Generation Y – Zahnärzte mit eigenem Profil 

Junge Zahnärzte sollen früher in die Niederlassung, der zahnärztliche Nachwuchs für die Standespolitik begeistert werden – das haben sich BZÄK und KZBV auf die Fahne geschrieben. Sie adressieren damit junge Zahnärzte der Generation Y, die die Versorgung und Standespoilitik der nächsten 40 Jahre prägen werden. Das Problem: Die Jungen haben andere Vorstellungen als die Alten, wie eine aktuelle IDZ-Studie zeigt.

 Steht die Zahnärzteschaft in Deutschland vor einem einschneidenden Paradigmenwechsel? Immer mehr in eigener Praxis niedergelassene Vertragsärzte aus der Generation der Babyboomer – geboren zwischen 1956 und 1965 – streben in naher Zukunft in den Ruhestand und wollen ihre Praxis in jüngere Hände übergeben. Doch das könnte zunehmend schwierig werden. Denn bereits im Jahr 2018 war die Zahl der aus dem Berufsleben ausscheidenden niedergelassenen Vertragszahnärztinnen und -zahnärzte mit 2169 fast doppelt so hoch wie die der 1214 jungen Zahnärzte, die sich in diesem Jahr in eigener Praxis niedergelassen haben.

 Rechtsrahmen sorgt für massive Flexibilisierung

 Maßgeblicher Grund für diese Entwicklung ist das 2007 in Kraft getretene Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄndG). Dieses ermöglichte es niedergelassenen Vertragszahnärzten erstmals, zeitlich unbegrenzt weitere Zahnärzte anzustellen. Das ebenfalls 2007 in Kraft getretene Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-WSG) hob die räumlichen Zulassungsbeschränkungen auf und sorgte so für mehr Flexibilität bei Nachwuchszahnärzten in puncto Niederlassungsort. 2015 ebnete das Gesetz zur Verstärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VSG) den Weg zu fachgruppengleichen Zahnmedizinischen Versorgungszentren (ZMVZ). 2019 erfolgte dann noch mit einer Änderung des Paragrafen 9 Absatz 3 des Bundesmantelvertrags Zahnärzte (BMV-Z) eine Erhöhung der Zulassungsgrenze für Angestellte in Vertragszahnarztpraxen – fortan dürfen statt zwei bis zu vier Vollzeitbeschäftigte als Angestellte in der Praxis vertragszahnärztlich tätig sein.

 Zeichen stehen auf Anstellung

 Die Zeichen stehen damit vor allem für die Zahnärztinnen und Zahnärzte der Generation Y (geboren zwischen 1981 und 2000) auf Anstellung – zunächst einmal. Denn die Niederlassung in eigener Praxis ist für viele weiterhin das Ziel ihrer zahnärztlichen Berufsausübung, wie die jüngsten Ergebnisse der Studie „Y-Dent – Berufsbild angehender und junger Zahnärzte“ des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) aus dem Jahr 2019 zeigen, die jetzt veröffentlicht worden sind. Die Studie wurde von Dr. Nele Kettler, Referatsleiterin für Zahnärztliche Professionsforschung am IDZ, geleitet. Die Ergebnisse liegen nun als Buchpublikation mit dem Titel „Junge Zahnärztinnen und -ärzte. Berufsbild – Patientenversorgung – Standespolitik“ vor. Die Veröffentlichung legt den Schwerpunkt sowohl auf Fortschreibungen bisheriger Berufsbilder als auch auf den Wandel durch künftig veränderte Versorgungsstrukturen. Sie fasst die Ergebnisse mehrerer Befragungen und Analysen in Schlussfolgerungen und Empfehlungen pointiert zusammen.

Die longitudinale Studie richtete sich zunächst bundesweit an alle Zahnmedizinstudierenden der Kurse des 9. und 10. Semesters im WS 2014/15 – und zwar als Vollerhebung. 1395 von 1972 Studierenden der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde beteiligten sich. 2017 wurden genau diese Studienteilnehmer erneut befragt, die sich zu diesem Zeitpunkt größtenteils in der Assistenzzeit befanden – 635 nahmen teil. Eine dritte Befragungswelle wurde 2019 durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Studienteilnehmer mehrheitlich im Angestelltenverhältnis beschäftigt und einige wenige der 573 Teilnehmer bereits niedergelassen.

Für den Weg in die Niederlassung lassen sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte der Generation Y jedoch mehr Zeit als frühere Generationen und zeigen sich bereits zum Berufsbeginn ausgesprochen fortbildungsaffin. Das liegt laut IDZ auch daran, dass viele Befragte sich kurz nach dem Studium noch nicht ausreichend auf die – betriebswirtschaftlichen – Erfordernisse in der Praxis vorbereitet fühlen. „Auch die zunehmende Bürokratielast und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens machten den Start in das Berufsleben nicht einfacher. Daher bilden sich junge Zahnärztinnen und Zahnärzte vor ihrer Niederlassung intensiv fort und bereiten sich zielgerichtet auf neue, künftige Versorgungsbedarfe vor“, heißt es.

 Nur einer von zehn Jungzahnärzten will nicht in die Versorgung

 Die Berufsausübung als Zahnarzt scheint dabei beim Nachwuchs eine feste Zielgröße zu sein: Denn nahezu 90 Prozent der jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte kommen nach ihrem Studium in der Patientenversorgung an. Demgegenüber liegt der Anteil berufstätiger Medizinerinnen und Mediziner an der haus- und fachärztlichen Versorgung aktuell bei etwa 70 Prozent.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Es zeichnet sich keine Mainstream-Bewegung in Richtung Großstädte und Metropolen ab. Viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte wollen in ihre Heimatregion zurück und dort ihre berufliche Existenz aufbauen. Das kann durchaus auch das „platte Land“ sein. Dennoch deutet sich in manchen ländlichen Regionen an, dass es hier künftig Probleme mit einer ausreichenden zahnärztlichen Niederlassung geben könnte.

Viele Befragte verstehen sich zudem mehr als Teamplayer denn als Einzelkämpfer. Der Wunsch nach einer kooperativen Berufsausübung ist demnach groß. Die Tendenz geht aber nicht in große und unüberschaubare Praxiseinheiten, sondern primär in mittelgroße Berufsausübungsgemeinschaften (BAG). In diesen Formen erscheint auch das Angestelltenverhältnis attraktiv – zumindest als zeitlich befristeter Start ins Berufsleben. Dabei spielen auch Überlegungen zur Work-Life-Balance eine Rolle.

 Großbaustelle Standespolitik

 Die Umfrageergebnisse offenbaren eine Großbaustelle von Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) und Bundeszahnärztekammer (BZÄK), die sich auf die Fahne geschrieben haben, junge Zahnärztinnen und Zahnärzte auf ihrem Weg in die freiberufliche Selbstständigkeit zu unterstützen. Beide „werden auf Grundlage der vorliegenden Untersuchungsergebnisse ihre Bemühungen weiter intensivieren – dies gilt für die Förderung von standespolitischem Engagement wie auch für die Stärkung des Wertes der Freiberuflichkeit. BZÄK und KZBV wollen das Professionsverständnis und damit auch den ethischen Aspekt zahnärztlicher Tätigkeit dabei noch stärker in den Fokus rücken“, heißt es.

Denn die standespolitischen Kernanliegen von KZBV und BZÄK sind es, die Zahnärztinnen und Zahnärzte früher in die Niederlassung zu bekommen, die wohnortnahe Versorgung zu fördern und vor allem den zahnärztlichen Nachwuchs für die Standespolitik zu gewinnen.

Dafür müssen sie aber die geänderten Rahmenbedingungen berücksichtigen: So gewinnen ZMVZ immer mehr an Bedeutung und verschiebt sich der Schwerpunkt bei der Niederlassung von der Einzelpraxis auf gemeinschaftliche Praxen oder zum Beispiel BAG sowie überörtliche Berufsausübungsgemeinschaften (ÜBAG). Im Zuge der Anstellungsoptionen ist nicht mehr nur ein Zahnarzt je Praxis tätig. In Einzelpraxen ist der Wert 2019 bereits auf 1,4 gestiegen, in den ÜBAG und BAG auf 2,6 bis 3 und in den ZMVZ gar auf 7.

 Für Frauen zählt Work-Life-Balance mehr als die Standeskarriere

 Die Trendwende zur Anstellung spiegelt sich zum einen im kontinuierlichen Rückgang der Anzahl der Praxen wider. Zum anderen steigt gleichzeitig die Gesamtzahl zahnärztlich Tätiger seit 20 Jahren kontinuierlich. „Dies ist auf eine wachsende Anzahl zahnärztlich tätiger Zahnärztinnen zurückzuführen. Denn die Anzahl der männlichen Zahnärzte betrug in den vergangenen Jahren konstant 40.000, allein in der vergangenen Dekade kamen dagegen 6.000 Zahnärztinnen dazu“, heißt es in der IDZ-Publikation. Angesichts der Tatsache, dass Frauenanteil in den einzelnen Zahnmedizinstudiengängen mittlerweile 65 bis 70% betrage, werde die Zahnmedizin künftig stärker feminisiert.

Dies führe zu Veränderungen im Berufsstand, so die Prognose. „Denn Zahnärztinnen haben mitunter andere Erwartungen als ihre Kollegen, sowohl an ihre zahnärztliche Tätigkeit als auch an die Vereinbarkeit ihres Berufs mit anderen Lebensbereichen. Sie weisen ein anderes Gründungs- sowie ein anderes Behandlungsverhalten auf und spezialisieren sich auf unterschiedlichen gebieten“, heißt es dazu in der Studie.

Unter den 353 Teilnehmern der Studie, die ihr grundsätzliches Interesse an der Niederlassung bekundet hatten, wollten sich vor allem die Zahnärztinnen in den ersten Berufsjahren zunächst auf ihr privates Leben fokussieren, bevor sie eine Niederlassung realisieren. Nahezu jede dritte dieser Zahnärztinnen der Generation Y möchte sich erst nach einer oder mehrerer Schwangerschaften niederlassen, für jede Fünfte kollidiert die Betreuung von Kindern mit ihren Plänen, sich niederzulassen.

 Freiberuflichkeit oft mit Niederlassung gleichgesetzt

 Dass berufstätige, approbierte Zahnmediziner per se einen freien Beruf ausüben, ist vielen Teilnehmern der seit 2014 andauernden Befragung offensichtlich nicht bewusst. Um herauszufinden, was die angehenden Zahnärzte genau unter Freiberuflichkeit verstehen, wurden sie in der Befragungswelle von 2019 erstmals konkret gebeten, zu benennen, was sie unter Freiberuflichkeit verstünden.

„Ein Großteil der Antworten verdeutlicht, dass oftmals die Freiberuflichkeit mit Niederlassung gleichgesetzt wird. Eine kritische Auseinandersetzung erfolgt, bezieht sich jedoch in der Regel auf die eigenen Überlegungen zur Existenzgründung. Sehr häufig werden die genannten Vor- und Nachteile mit dem Zusatz ‚in der eigenen Praxis‘ versehen und Aspekte genannt, die im Fragebogen zuvor im Zusammenhang mit der Niederlassung angeführt wurden“, heißt es in der IDZ-Studie.

Ein wichtiger Aspekt der Freiberuflichkeit ist jungen Zahnärzten das prosoziale Handeln im Sinne der Gemeinwohlverpflichtung, um Patienten zu helfen, so wie sie selbst gerne geholfen bekämen, und die Versorgung sicherzustellen.

 Selbstverwaltung wird ambivalent wahrgenommen

 „Die Selbstverwaltung der Zahnärzteschaft wird ambivalent wahrgenommen“, konstatieren die Studienautoren. Positiv sähen es die jungen Zahnärzte, dass die Zahnärzteschaft in Grenzen eigene Regeln für das berufliche Miteinander setzen können und sich der Berufsstand theoretisch komplett selbst verwaltet. Sie schätzten somit die Autonomie und auch den Handlungsspielraum, der sich für den Berufsstand ergebe.

Die Kehrseite der Medaille: „Die Abhängigkeit von der Selbstverwaltung wird zum Teil kritisch gesehen. Einem Teil der Befragten missfällt die ‚Zwangsmitgliedschaft im Versorgungswerk und der LZK‘ sowie ‚Reglementierungen der KZV‘, sie empfinden diese als ‚Gängelung durch Institutionen, die man sogar selbst noch finanzieren muss‘.“ Mit den von der Standespolitik vertretenen Werten können sich zudem nicht alle jungen Zahnärzte anfreunden.

 Standespolitik? Nein, danke!

 Ein Engagement in LZK oder KZV kommt nur für wenige Nachwuchszahnärzte in Frage. Nur 3,3 % der Studienteilnehmer gaben an, ein Interesse am standespolitischen Engagement zu haben, 20,8 Prozent würden darüber nachdenken, wenn sich wesentliche Rahmenbedingungen ändern würden. 63,9 Prozent schließen für sich ein standespolitisches Engagement kategorisch aus.

Die mangelnde Attraktivität des standespolitischen Engagements könnte, mutmaßen die Studienautoren, auf Erfahrungen zurückzuführen sein, die die jungen Zahnärzte bereits beim Eintritt in ihr Berufsleben erfahren haben. Die bürokratischen Vorgänge, die zu Beginn der Assistenzzeit anstehen, gehörten vermutlich dazu. „Dass diese als überwiegend negativ perzipiert werden, prägt möglicherweise ein negatives Bild der gesamten Körperschaften – zumal auch fraglich ist, inwieweit die jungen Zahnärztinnen und -ärzte zu diesem Zeitpunkt ihrer Laufbahn zwischen Kammern und KZVen, zwischen Orts-, Landes- und Bundesebene differenzieren. Die Notwendigkeit der Anmeldung sowie der Beitragszahlung führt anscheinend nicht zu einem gesteigerten Interesse an den Körperschaften und standespolitischen Themen“, lautet die Analyse.

 Erst die Familie, dann die Politik

 Im Sinne der Work-Life-Balance stellen die Zahnärzte der Generation Y ihr berufspolitisches Engagement auch ganz klar hinter die Bedürfnisse ihrer Familie sowie Bestrebungen nach zum Beispiel einem Hausbau. Ergo werden sie, wenn überhaupt, erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in die Standespolitik eintreten. Andere wünschen sich ein Aufbrechen „verkrusteter Strukturen“, einen besseren Zugang oder auch einfach Inhalte, mit denen sich die jüngere Generation der Zahnärzte identifizieren könne.