Praxismanagement
Wer eine Arztpraxis hat, beschäftigt im Regelfall auch Mitarbeiter. Doch nicht jeder gute Arzt ist automatisch auch eine geborene Führungskraft. Sich ein paar Dinge bewusst…
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Drei Viertel aller Ärzte und medizinischen Fachangestellten waren in den vergangenen zwölf Monaten mit Aggressionen konfrontiert. Viele Konfliktsituationen entstehen durch organisatorische Probleme.
Drei Viertel aller Ärzte, Pflegekräfte und medizinischen Fachangestellten waren in den vergangenen zwölf Monaten mit Konfliktsituationen und Gewalt konfrontiert. Dies bestätigt eine aktuelle YouGov-Umfrage im Auftrag von Doctolib. Die Folgen sind alarmierend: Besonders jüngere Beschäftigte (25-34 Jahre) zweifelten nach Gewalterfahrungen doppelt so häufig an ihrer Berufswahl wie ältere Kolleginnen und Kollegen ab 55 Jahren (32 vs. 16 Prozent).
Drei Viertel (75 Prozent) der Befragten berichten, im vergangenen Jahr mindestens einmal mit Gewalt oder Konfliktsituationen konfrontiert gewesen zu sein, 85 Prozent davon sogar mehrfach. Zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) erlebten verbale Aggressionen und Beleidigungen durch Patienten oder Angehörige, 38 Prozent Bedrohungen.
Jede vierte Fachkraft war sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt (24 Prozent), ebenso viele erlebten Diebstahl in der Praxis oder Klinik. Männliche Beschäftigte sind überproportional betroffen: 46 Prozent erlebten Bedrohungen, 32 Prozent körperliche Gewalt, 30 Prozent Diebstähle. Die psychischen Folgen sind gravierend: Zwei Drittel (67 Prozent) berichten von Wut über fehlenden Respekt. Männer entwickeln zudem noch häufiger Angst und Unsicherheit am Arbeitsplatz als Frauen (39 Prozent vs. 35 Prozent) und erwägen einen Jobwechsel (27 vs. 21 Prozent).
„Diese Zahlen zeigen, dass wir nicht nur über Einzelfälle sprechen, sondern über ein systemisches Problem, das die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung extrem belastet. Hohe Fehlzeiten in Arztpraxen und Fluktuation sind alarmierend“, erklärt Dietmar Karweina, Praxismanagement-Experte und Coach. „Die gute Nachricht ist: Viele aggressive Situationen entstehen durch organisatorische Probleme, die durchaus lösbar sind. Wenn Praxen klare Kommunikationsstrukturen schaffen, ihr Zeit- und Terminmanagement optimieren und ihre Teams in souveräner Patientenführung schulen, können sie das Stresslevel deutlich reduzieren.“
Die Ursachen liegen nicht in der medizinischen Behandlung selbst: 46 Prozent der Befragten machen „Halbwissen der Menschen, die ihre Erwartungen nicht bestätigt sehen“ verantwortlich, 42 Prozent lange Wartezeiten. In Arztpraxen dominieren organisatorische Faktoren wie Wartezeiten (51 Prozent) und Terminprobleme (47 Prozent), in Kliniken steht die „Überforderung mit der Krankheit/Verletzung“ im Vordergrund (45 Prozent).
Fast drei Viertel (74 Prozent) der Fachkräfte sieht in digitalen Lösungen Potenzial zur Reduzierung des Stresslevels im Team und des Eskalationspotentials: Online-Terminbuchung rund um die Uhr (39 Prozent), digitale Patientenkommunikation (37 Prozent) und automatische Terminerinnerungen per SMS/E-Mail (28 Prozent) könnten Wartezeiten verkürzen und damit Eskalationen verhindern.
Die geplante Gesetzesverschärfung der Bundesregierung findet Zustimmung bei etwa zwei Dritteln der Befragten, denn 34 Prozent nennen sie „Sehr hilfreich“, während 32 Prozent die Initiative als „eher hilfreich“ ansehen, aber auch gleichzeitig betonen, dass es zusätzliche Präventionsmaßnahmen braucht.
19 Prozent geben an: „Wenig hilfreich – Gesetze ändern nichts am Grundproblem“. Konkret fordern die Befragten mehr Sicherheitspersonal in Gesundheitseinrichtungen (47 Prozent), Aufklärungskampagnen für Patienten über respektvolles Verhalten (46 Prozent) und psychologische Betreuung nach Gewalterfahrungen (46 Prozent). Trotz angespannter Personalsituation haben bereits 54 Prozent der Befragten Schulungen zu Deeskalation, Gewaltprävention oder Umgang mit aggressiven Patienten und Angehörigen absolviert, weitere 28 Prozent zeigen großes Interesse.
Quelle: www.aerztezeitung.de
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