PAR-Richtlinie - Paradigmenwechsel für Zahnärzte und Patienten

Mit zwei GBA-Richtlinien ist zum 1. Juli die systematische Behandlung von Patienten mit Parodontitis und anderen Parodontalerkrankungen in den Vertragszahnarztpraxen auf ein neues Fundament gestellt worden. Vor allem vulnerable Patientengruppen sollen in Form eines niedrigschwelligen Versorgungsangebotes profitieren. Für Praxen ergeben sich mit der Umstrukturierung neue Bausteine und damit unter anderem in der Abrechnung neue BEMA-Positionen.

Deutschland kämpft mit einer hohen Parodontitislast. Laut Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) und Gemeinsamem Bundesausschuss (GBA) sind rund 12 Millionen Erwachsene von schweren parodontalen Erkrankungen betroffen, die auch in Verbindung mit Diabetes, Herz-Kreislauf- und weiteren chronischen Erkrankungen stehen. Zum Stichtag 1. Juli 2021 sollte nun ein neues Zeitalter in der Parodontalversorgung eingeläutet worden sein – das hoffen zumindest KZBV und der GKV-Spitzenverband.
Denn: Nachdem der GBA nach jahrelangen Beratungen am 17. Dezember 2020 die Richtlinie zur systematischen Parodontitistherapie beschlossen hat, die den aktuellen wissenschaftlichen Stand zahnmedizinischer Erkenntnisse berücksichtigt, wird die Volkskrankheit Parodontitis künftig mit einem umfassenden, am Bedarf der Patienten ausgerichteten Maßnahmenprogramm bekämpft. Seit Monatsbeginn können Vertragszahnarztpraxen das neue Versorgungs-Setting anbieten, nachdem KZBV und GKV-Spitzenverband sich einvernehmlich auf die Bewertung der neuen Leistungen bei der systematischen Behandlung von Parodontitis und anderer Parodontalerkrankungen (PAR-Richtlinie) geeinigt haben.

Richtlinie adressiert ältere und pflegebedürftige Patienten

Laut GBA-Beschluss vom 6. Mai dieses Jahres hat sich zum 1. Juli ergänzend zur PAR-Richtlinie zudem der Versorgungsrahmen für die Patientengruppen mit Einschränkungen verändert – im Zuge der Änderung der Richtlinie zur Behandlung von Parodontitis bei Versicherten nach § 22a SGB V außerhalb der systematischen Behandlung von Parodontitis und anderer Parodontalerkrankungen. Die besonders vulnerablen Gruppen erhielten einen niedrigschwelligen, gleichberechtigten und barrierearmen Zugang zur Parodontitistherapie im Rahmen der vertragszahnärztlichen Versorgung. Auf Grundlage der novellierten Behandlungsrichtlinie „besteht für diese Versicherten seit Juli die Möglichkeit einer bedarfsgerecht modifizierten Behandlungsstrecke zur Behandlung von Parodontitis außerhalb der systematischen PAR-Behandlung“, so die KZBV. Der Zugang zu diesen Leistungen sei unbürokratisch niedrigschwellig im Rahmen der Anzeigepflicht bei den Kassen ausgestaltet.

Neue Bewertungen und Leistungsbeschreibungen

Neben der Bewertung wurden im Zuge der neuen PAR-Richtlinie auch Leistungsbeschreibungen und Abrechnungsbestimmungen festgelegt, also die Gebührennummern des Bewertungsmaßstabes zahnärztlicher Leistungen (BEMA) zur Abrechnung der entsprechenden vertragszahnärztlichen Leistungen, die künftig in vertragszahnärztlichen Praxen herangezogen werden können.
Dazu gehören unter anderem eine patientenindividuelle Mundhygieneunterweisung sowie ein parodontologisches Aufklärungs- und Therapiegespräch im Rahmen der „sprechenden Zahnmedizin“. Diese Maßnahmen dienen dazu, die Mundhygienefähigkeit und Gesundheitskompetenz der Patienten zu erhöhen. Mit der unterstützenden Parodontitistherapie (UPT) können Vertragszahnärzte ihren Patienten künftig zudem zwei Jahre nach Abschluss der aktiven Behandlungsphase auf Kasse eine strukturierte Nachsorge anbieten, um den Behandlungserfolg zu sichern.

Jahrelangen Stillstand beendet

Für den KZBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Wolfgang Eßer bedeutet das einen Paradigmenwechsel im Versorgungsgeschehen: „Mit der aktuellen Richtlinie des GBA zur systematischen Behandlung der Parodontitis ist der Durchbruch zu modernen wissenschaftlichen Therapieansätzen gelungen.“ „Beide Richtlinien zusammen schaffen für uns Zahnärzte nach langen Jahren des Stillstands die Voraussetzungen, dieser großen Volkskrankheit endlich erfolgreich begegnen und die hohe Parodontitislast in Deutschland nachhaltig senken zu können“, ergänzt Eßer.

Obligate und fakultative Behandlungsschritte

Die systematische Parodontitistherapie gemäß PAR-Richtlinie gliedert sich in die folgenden Schritte:

  • Anamnese, Befund, Diagnose und Dokumentation (Parodontalstatus) und Feststellung der Behandlungsbedürftigkeit der Parodontitis (§§ 3 und 4). Abgerechnet wird die Befunderhebung und das Erstellen eines Parodontalstatus mit 44 Punkten.
  • Genehmigung und gegebenenfalls Begutachtung der systematischen PAR-Therapie durch die Krankenkasse (§ 5); die Ablehnung durch die Krankenkasse ist weiter möglich.
  • Parodontologisches Aufklärungs- und Therapiegespräch (§ 6): Im Rahmen dieses neuen mit 28 Punkten bewerteten Bausteins erfolgt laut Richtlinie die „Information des Versicherten über den Befund und die Diagnose, die Erörterung von gegebenenfalls bestehenden Therapiealternativen und deren Bedeutung zur Ermöglichung einer gemeinsamen Entscheidungsfindung über die nachfolgende Therapie einschließlich der Unterstützenden Parodontitistherapie, die Information über die Bedeutung von gesundheitsbewusstem Verhalten zur Reduktion exogener und endogener Risikofaktoren sowie die Information über Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen.“
  • Wenn notwendig, sind konservierend-chirurgische Maßnahmen vorzunehmen (§ 7).
  • Patientenindividuelle Mundhygieneunterweisung (§ 8): Bei diesem mit 45 Punkten bewerteten, neuen Baustein geht es um die Mundhygieneaufklärung. Hierbei soll unter anderem in Erfahrung gebracht werden, über welches Wissen zu parodontalen Erkrankungen der Versicherte verfügt, wie seine Zahnpflegegewohnheiten aussehen und welche langfristigen Ziele bezogen auf seine Mundgesundheit der Versicherte verfolgt. Inkludiert sind auch die Bestimmung des Entzündungszustands der Gingiva, das Anfärben von Plaque sowie die individuelle Mundhygieneinstruktion.
  • AIT - Antiinfektiöse Therapie (§ 9) – bisher P200 (14 Punkte) P201 (26 Punkte).
  • Wenn notwendig, adjuvante Antibiotikatherapie (§ 10)
  • Befundevaluation (BEV/§ 11): Die Evaluation der parodontalen Befunde im Rahmen der systematischen Parodontitistherapie erfolgt grundsätzlich drei bis sechs Monate nach Beendigung der Antiinfektiösen Therapie gemäß Nr. AIT. Im Falle eines gegebenenfalls erforderlichen offenen Vorgehens erfolgt eine weitere Evaluation grundsätzlich drei bis sechs Monate nach Beendigung der Chirurgischen Therapie gemäß Nr. CPT. Die Leistungen sind jeweils mit 32 Punkten bewertet.
  • Wenn notwendig, erfolgt eine chirurgische Therapie (offenes Vorgehen) einschließlich erneuter Befundevaluation (§ 12).
  • Unterstützende Parodontitistherapie (UPT) zur Sicherung des Behandlungserfolgs (§ 13). Die UPT umfasst wiederum sieben Schritte: 
a) Mundhygienekontrolle (18 Punkte); 
b) Mundhygieneunterweisung (soweit erforderlich/24 Punkte); 
c) Supragingivale und gingivale Reinigung aller Zähne von anhaftenden Biofilmen und Belägen, je Zahn (3 Punkte); 
d) Messung von Sondierungsbluten und Sondierungstiefen, abrechenbar bei Versicherten mit festgestelltem Grad B der Parodontalerkrankung gemäß § 4 PAR-RL im Rahmen der zweiten und vierten UPT gemäß § 13 Abs. 3 PAR-RL, bei Versicherten mit festgestelltem Grad C im Rahmen der zweiten, dritten, fünften und sechsten UPT gemäß § 13 Abs. 3 PAR-RL (15 Punkte); 
e) Subgingivale Instrumentierung bei Sondierungstiefen von 4 mm oder mehr und Sondierungsbluten sowie an allen Stellen mit einer Sondierungstiefe von 5 mm oder mehr, je einwurzeligem Zahn (5 Punkte); 
f) Subgingivale Instrumentierung bei Sondierungstiefen von 4 mm oder mehr und Sondierungsbluten sowie an allen Stellen mit einer Sondierungstiefe von 5 mm oder mehr, je mehrwurzeligem Zahn (12 Punkte) und 
g) Untersuchung des Parodontalzustands, die hierzu notwendige Dokumentation des klinischen Befunds umfasst die Sondierungstiefen und die Sondierungsblutung, die Zahnlockerung, den Furkationsbefall, den röntgenologischen Knochenabbau sowie die Angabe des Knochenabbaus in Relation zum Patientenalter (%/Alter). Die erhobenen Befunddaten werden mit den Befunddaten der Untersuchung nach Nr. BEV oder nach Nr. UPT d verglichen. Dem Versicherten werden die Ergebnisse erläutert und es wird mit ihm das weitere Vorgehen besprochen. Die Leistung nach Nr. UPT g ist ab dem Beginn des zweiten Jahres der UPT einmal im Kalenderjahr abrechenbar (32 Punkte).
 
  • Das Einschleifen des natürlichen Gebisses zum Kauebenenausgleich und zur Entlastung bleibt weiterhin möglich und wird mit 6 Punkten je Sitzung vergütet.
  • Die Nachbehandlung im Rahmen der systematischen Behandlung von Parodontitis und anderen Parodontalerkrankungen wird weiter mit 10 Punkten je Sitzung bewertet.


Neue Abrechnungsmodalitäten und Übergangsregelung

Für Vertragszahnärzte geht die neue PAR-Behandlungsstrecke laut KZBV auch mit einer Modifizierung der Abrechnungsmodalitäten einher. Die erbrachten PAR-Leistungen werden nicht mehr am Ende der Behandlung abgerechnet. Die erste Abrechnung erfolgt frühestens nach Abschluss der AIT über die Monatsabrechnung. Ab diesem Zeitpunkt ist jede weitere Leistung monatlich abrechenbar.
Vor dem 1. Juli 2021 begonnene PAR-Therapien sind nach altem Recht zuendezuführen und abzurechnen. Nach dem 1. Juli 2021 begonnene PAR-Therapien sind nach neuem Recht abzurechnen und durchzuführen.

Um Vertragszahnärzten die komplexe Materie im Zusammenhang mit den beiden Richtlinien näherzubringen, hat die KZBV drei Erklärvideos produziert, die sich bereits hoher Klickraten erfreuen. Sie sind zu finden unter:

https://www.youtube.com/watch?v=CwjRdDtOyDQ

https://www.youtube.com/watch?v=zeJEFFZVGDU

https://www.youtube.com/watch?v=QJuMQwBT7EQ