Praxismanagement
Wer eine Arztpraxis hat, beschäftigt im Regelfall auch Mitarbeiter. Doch nicht jeder gute Arzt ist automatisch auch eine geborene Führungskraft. Sich ein paar Dinge bewusst…
5 Minuten Lesezeit
Zähneknirschen bei Kindern ist weit verbreitet – doch nicht immer steckt dahinter ein behandlungsbedürftiges Problem. Die aktualisierte S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Bruxismus“ widmet sich erstmals ausführlich auch dem Bruxismus im Kindesalter. Erfahren Sie, welche Risikofaktoren eine Rolle spielen, wann weitere Diagnostik sinnvoll ist und welche therapeutischen Möglichkeiten empfohlen werden. Dabei wird auch deutlich, in welchen Fällen Beobachten ausreicht und wann genauer hingeschaut werden sollte.
Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGFDT) sowie die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) haben ihre S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Bruxismus“ (AWMF-Registernummer: 083-027) aktualisiert. Erstmals wurde ein eigenes Kapitel zur Behandlung von Kindern mit Bruxismus aufgenommen.
Unter Bruxismus versteht man eine Aktivität der Kaumuskulatur mit Zahnkontakt (Zähneknirschen) oder ohne Zahnkontakt (Verschieben/Anspannen des Unterkiefers). Nach einem internationalen Konsensus wird unterschieden zwischen Schlafbruxismus (SB) und Wachbruxismus (WB). Darüber hinaus ist ein primärer/idiopathischer von einem sekundären Bruxismus abzugrenzen.
Ein gewisses Maß an Aktivität der Kaumuskulatur gilt als physiologisch und wird nicht als Störung angesehen. Insbesondere im Schlaf kann Knirschen/Pressen zur Offenhaltung der Atemwege beitragen. Im Wachzustand ist körperliche Aktivität oft mit einer verstärkten Kaumuskelaktivität verbunden. Bei Kindern in der Milch- und Wechselgebissphase dient Bruxismus darüber hinaus zum Einstellen der Okklusion. Gut zu wissen: Dass Bruxismus auch physiologisch ist und Aufmerksamkeit/Leistungsfähigkeit verbessern kann, spiegelt sich in Redensarten wie „die Zähne zusammenbeißen“ oder „sich an einem Problem festbeißen“.
Bruxismus kann mit Durchbruch der ersten Zähne auftreten. Am häufigsten betroffen sind Personen im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt. Bei Kindern beträgt die Prävalenz bis zu circa 55 Prozent, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 23 Jahren bis zu circa 35 Prozent. Es ist somit ein durchaus häufiges Phänomen, mit dem auch Pädiater und Hausärzte konfrontiert sein können – etwa, wenn Eltern, Geschwister oder die Kinder bzw. Jugendlichen selbst über Knirschgeräusche berichten. Oft ist ihnen das Zähneknirschen oder Kieferpressen aber auch gar nicht bewusst, vor allem dann, wenn es nachts auftritt.
Wichtig: Allein durch die Befragung der Patienten oder Eltern nach Geräuschen des Zähneknirschens kann ein Bruxismus nicht sicher identifiziert werden. Auch klinische Aspekte wie Abrasionen alleine sind nicht ausreichend für die Diagnose.
Wegweisend für SB ist letztlich eine Polysomnographie, die als diagnostischer Goldstandard gilt und auch bei Kindern mit Verdacht auf SB durchgeführt wird. Zur Selbstbeobachtung, mit der bei Erwachsenen ein WB diagnostiziert wird, liegen bei Kindern keine Studien vor.
Tipp: Standardisierte Erfassungsbögen zum Bruxismus-Screening der DGFDT stehen online kostenfrei zur Verfügung. Screening und weitere Diagnostik können dann sinnvoll sein, wenn zusätzlich Hinweise auf Schlafstörungen, schlafbezogene Atmungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten bestehen. Denn Bruxismus kann in Zusammenhang mit anderen Problemen und manifesten Erkrankungen stehen.
Folgende Risikofaktoren werden mit Bruxismus in Verbindung gebracht:
Die Leitlinienautoren fordern eine entsprechende Aufklärung über Schlafhygiene, Nebenwirkungen von psychoaktiven Substanzen und Medikamenten sowie die Nutzung digitaler Medien. Bei psychischen Auffälligkeiten, erschwerter Nasenatmung oder bestehender Mundatmung raten sie, Fachkollegen aus der Pädiatrie oder Psychotherapie, der HNO und der Kieferorthopädie hinzuzuziehen.
Da Bruxismus als alleiniges Phänomen im Kindesalter oft physiologisch ist, bedarf er meist keiner Therapie. Bei Jugendlichen mit bleibendem Gebiss kann eine Behandlung wie bei Erwachsenen indiziert sein, um Folgen wie Zahnhartsubstanzverluste, parodontale Probleme oder Kopfschmerzen zu vermeiden.
Therapeutisch eingesetzt werden (bei Erwachsenen und ggf. Jugendlichen):
Systemisch wirksame Medikamente werden derzeit weder bei Erwachsenen noch bei Kindern zur Bruxismusbehandlung empfohlen.
Im Kindesalter sind die therapeutischen Optionen aufgrund unzureichender Evidenz deutlich begrenzter. Physiotherapeutische Maßnahmen, für die der Empfehlungsgrad bei Erwachsenen erhöht wurde, sind bei Kindern noch nicht ausreichend untersucht, so dass derzeit keine Empfehlung ausgesprochen werden kann.
Das gleiche gilt für Selbsthilfemaßnahmen. Während bei Erwachsenen Entspannungsübungen, Atemübungen oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson als neue Empfehlungen in die Leitlinie aufgenommen wurden, liegt bei Kindern lediglich eine Anwendungsbeobachtung in Form von Muskelmassage, Bewegungsübungen und Schlafhygiene in Kombination mit Bachblüten-, Aroma- und Akupunktur-Therapie vor, die die Leitlinienautoren als wenig aussagekräftig einstufen. Auch die Injektion von Botulinumtoxin wird bei Kindern nicht empfohlen.
Einzig Schienen erhalten eine „Kann“-Empfehlung. Dabei gilt:
In den Phasen während des Zahnwechsels wird die Behandlung nicht empfohlen, da die Schiene regelmäßig angepasst werden müsste und Wachstumsprozesse behindern kann.
Womöglich wird es in Zukunft mehr Therapieoptionen für Kinder mit Bruxismus geben. In den letzten Jahren wurde der Fokus in der Forschung verstärkt auf Heranwachsende gerichtet. Zudem wird an weiteren, völlig neuartigen Therapieansätzen geforscht, zum Teil auch bei Kindern. Ein Beispiel ist die Photobiomodulation mit Infrarot-LED, mit der Zellen stimuliert, die Durchblutung erhöht sowie analgetische und entzündungshemmende Effekte erzielt werden können.
Melden Sie sich jetzt an und erhalten Sie exklusiven Zugang zu: