Praxismanagement
Wer eine Arztpraxis hat, beschäftigt im Regelfall auch Mitarbeiter. Doch nicht jeder gute Arzt ist automatisch auch eine geborene Führungskraft. Sich ein paar Dinge bewusst…
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Im Moment richtet sich der Blick nicht nur der verfassten Zahnärzteschaft, sondern auch der meisten Deutschen nach Berlin. Die große Frage lautet, wie stark wird das GKV-Leistungsangebot durch das Beitragssatzstabilisierungsgesetz (GKV-BStabG) gestutzt, werden damit Kassenpatienten geschröpft. Da der Widerstand auch innerhalb der Koalitionsparteien groß ist, sind noch gewichtige Änderungen zu erwarten. Völlig aus dem Blick von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) scheint indes die Bedeutung der präventiven PAR-Strecke geraten zu sein. Nicht nur die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und die Bundeszahnärztekammer nehmen hier das Heft des Handelns wieder in die Hand.
Die niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten einen beachtlichen Beitrag zur Verbesserung der Mundgesundheit in Deutschland geleistet. Abzulesen ist das nicht zuletzt an den Ergebnissen der fortlaufenden Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ). Zum Europäischen Tag der Parodontologie am 12. Mai nimmt der Freie Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ) die jüngst veröffentlichten, neuesten Längsschnittergebnisse der DMS 6 zum Anlass, um den Blick der medialen Öffentlichkeit auf eine entscheidende Phase der Parodontitis zu lenken. Die Kernbotschaft einer Verbandspressemitteilung lautet denn auch, schwere Verläufe entstünden schon im mittleren Erwachsenenalter. Und: Patienten stünden schon geeignete, qualitätsgesicherte Präventionsangebote in den Praxen zur Verfügung. Aber: Durch die anhaltende Nachwirkung des Lauterbach’schen GKV-Fnanzstabilisierungsgesetzes (GKV-FinStG) vom November 2022 müssten die Praxischefs wirtschaftlich genau abwägen, in welchem Mengenumfang sie diese PAR-Leistungen ihren Patienten anbieten können.
„Die neuen DMS-6-Daten zeigen, Parodontitis muss noch früher behandelt werden, bevor sich schwere Verläufe entwickeln. Entscheidend ist, dass konsequente Prävention und Therapie ohne Einschränkungen in der Versorgung ankommen, um Mund- und Gesamtgesundheit langfristig zu sichern“, betont der FVDZ-Bundesvorsitzende Dr. Christian Öttl.
Erstmals wurden Teilnehmer der Vorgängerstudie DMS 5 nach rund neun Jahren erneut untersucht, um Krankheits- und Versorgungsverläufe nachzuvollziehen. Die größte Herausforderung bleibt laut Studie die Reduktion parodontaler Erkrankungen. Öttl: „Die entscheidende Krankheitsdynamik liegt im mittleren Erwachsenenalter. Genau hier muss die Therapie ansetzen. Denn eine Parodontitis ist im Frühstadium gut kontrollierbar, wenn rechtzeitig gehandelt wird.“
Parodontitis zähle, ruft der Verband in Erinnerung, zu den häufigsten chronischen Erkrankungen: Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist betroffen, rund 14 Millionen leiden an einer schweren Form. Unbehandelt erhöht sie das Risiko für schwere Allgemeinerkrankungen, außerdem für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes und sogar für Frühgeburten.
„Wichtig sind frühe Diagnose und die enge Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachrichtungen. Zur Vorsorge gehört neben dem Zahnarztbesuch zweimal im Jahr mit Professioneller Zahnreinigung (PZR) das konsequente zweimal tägliche Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta sowie die Verwendung von Zahnzwischenraumbürstchen“, empfiehlt Öttl.
Von der Bundesregierung fordert der FVDZ-Bundesvorsitzende: „Wer eine Volkskrankheit wie Parodontitis wirksam bekämpfen und Folgekosten vermeiden will, muss verlässliche Bedingungen schaffen und früh ausreichend in die Versorgung investieren. Krankheit lässt sich nicht berechnen. Wer einen Euro in eine unbudgetierte Parodontitis-Behandlung steckt, spart langfristig vier Euro in der Versorgung – das wäre ein Reformansatz!“
Beim KZBV-Frühjahrsfest Anfang Mai war das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz natürlich zentrales Thema der Gespräche. KZBV-Chef Martin Hendges adressierte es bei den anwesenden Vertretern der Parteien sowie des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Tenor: Die vorgesehenen Regelungen zu weitreichenden Kostendämpfungsmaßnahmen werfen erhebliche fachliche und versorgungspolitische Fragen auf. Die in den vergangenen Jahren erzielten präventionsbasierten Fortschritte drohen konterkariert zu werden, obwohl gerade diese Erfolge wesentlich dazu beigetragen hätten, das System nachhaltig zu entlasten.
Durch die geplanten Kostendämpfungsmaßnahmen mit einer strikten Budgetierung würden insbesondere Mengenentwicklungen verhindert werden, welche es zur Verbesserung der Versorgung, etwa im Bereich der Parodontitis-Bekämpfung, bedürfe. Auch die Etablierung neuer Versorgungskonzepte, beispielsweise für die Versorgung vulnerabler Gruppen, sei unter diesen Rahmenbedingungen dann kaum noch möglich. Ausführlich legt die KZBV ihre Bedenken in einer gemeinsam mit der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) in die Verbändeanhörung beim BMG eingebrachten Stellungnahme dar.
Die konsequent präventionsorientierte Ausrichtung in der Zahnmedizin führt, wie die DMS 6 belegt, dazu, dass nur sehr wenige Zähne neu von Karies betroffen sind: Bei zum Zeitpunkt der DMS 5 kariesfreien Kindern, also die heute 20-Jährigen, erkrankte innerhalb des Untersuchungszeitraums im Schnitt maximal ein Zahn an Karies. Dieses erfreuliche Ergebnis zeigt, dass diese Altersgruppe bereits vollständig vom zahnmedizinischen Präventionsangebot profitiert. Bei den heute jüngeren Erwachsenen (35- bis 44-Jährige) lässt sich erstmals der volle Effekt der präventionsorientierten Versorgung seit den 1990er-Jahren belegen. Auch Zahnverlust ist heute deutlich seltener als früher: In allen Altersgruppen behält ein Großteil der Menschen über viele Jahre alle eigenen Zähne; auch dies unterstreicht die nachhaltige Wirkung von präventiven Maßnahmen.
Die Parodontitis verläuft als chronische Erkrankung in der Regel langsam und Zahnverluste haben sich in der gesamten Bevölkerung stark reduziert. Gleichzeitig belegen die Daten, dass die entscheidende Krankheitsdynamik bereits im mittleren Erwachsenenalter stattfindet. Zu diesem Zeitpunkt kippen viele Verläufe in schwere Formen. Im höheren Alter resultiert daraus das Risiko für Zahnverluste. Betroffene Seniorinnen und Senioren können jedoch durch regelmäßige Zahnarztbesuche parodontal gut behandelt werden und somit lange von ihren eigenen Zähnen profitieren. Frühe Diagnostik und rechtzeitige therapeutische Maßnahmen sind daher grundsätzlich wichtig, um parodontale Verschlechterungen möglichst zu verhindern.
Am Beispiel des Diabetes belegt die DMS 6 auch den engen Zusammenhang zwischen Mund- und Allgemeingesundheit. Denn Diabetikerinnen und Diabetiker weisen oftmals eine schlechtere Mundgesundheit auf als Menschen ohne Diabetes: Sie haben häufiger eine schwere Parodontitis, mehr Wurzelkaries und im Durchschnitt doppelt so viele fehlende Zähne. Eine frühzeitig behandelte Parodontitis kann beispielsweise zu einer besseren Diabeteseinstellung beitragen, womit hohe Folgekosten für das Gesundheitssystem vermieden werden können.
Prof. Dr. A. Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des IDZ, zieht folgende Schlüsse aus den analysierten Daten: „Die 9-Jahres-Ergebnisse der DMS 6 zeigen eine überwiegend langsame Progression zahnmedizinischer Erkrankungen, denn vielfach bleibt ein gut eingestellter Mundgesundheitszustand über Jahre stabil. Die DMS 6 unterstützt die bekannte These, dass die chronischen zahnmedizinischen Erkrankungen Karies und Parodontitis nicht linear verlaufen, sondern in Phasen (kurzer) Progressionsschübe und (langen) Stagnationsphasen. Diese Erkenntnis hat Auswirkungen auf strategische Überlegungen einer lebenslangen Prävention, die künftig nicht standardisiert, sondern risikoadaptiert und personalisiert erfolgen sollte. Unsere Studie hat die wichtigsten Risikofaktoren für Zahn- und Munderkrankungen identifiziert, um diese personalisierten Präventionsprogramme zu entwickeln.“
Dr. Romy Ermler, Präsidentin der BZÄK, fokussiert vor allem die gegenwärtigen wie auch künftigen Senioren: „Die Längsschnittergebnisse der DMS 6 belegen eindeutig, wie wirkungsvoll die langjährige, strukturierte Präventionsorientierung der Zahnmedizin ist. Patientinnen und Patienten sollten die vielfältigen Präventionsangebote von Anfang an und über den gesamten Lebensbogen in Anspruch nehmen. Im internationalen Kariesvergleich ist Deutschland Weltklasse.
Wer als Kind gesunde Zähne hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Senior oder Seniorin noch viele gesunde, eigene Zähne haben – bei den heute 73- bis 82-Jährigen haben in den vergangenen knapp zehn Jahren 40 Prozent keinen Zahn verloren. Prävention in jungen Jahren spart also auch Geld im Alter. Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben allerdings einen überdurchschnittlichen Zahnverlust. Hier bedarf es einer intensivierten Zusammenarbeit der Zahnärzteschaft mit den Allgemeinärztinnen und -ärzten sowie weiteren Fachgruppen, um diese Menschen noch besser interprofessionell zu betreuen.“
KZBV-Chef Martin Hendges warnt vor den verheerenden Folgen blinder Sparwut bei den Kassenleistungen: „Mit der DMS 6 beweist die Zahnärzteschaft erneut, dass Prävention der Schlüssel zum Erfolg bei der Mundgesundheit ist. Die völlige Kariesfreiheit bei einem Großteil der Kinder ist ein sensationelles Ergebnis und Beleg dafür, dass unser zielgruppengerechtes und präventionsorientiertes zahnmedizinisches Angebot umfangreich genutzt wird. Die Daten im Bereich Parodontitis zeigen jedoch, dass hier noch dringender Handlungsbedarf besteht. Um dieser Volkskrankheit mit schweren Folgen für die Allgemeingesundheit endlich Herr zu werden, muss sie möglichst früh behandelt werden. Denn die entscheidende Krankheitsdynamik der Parodontitis findet bereits im mittleren Erwachsenenalter statt.
Mit unserer präventionsorientierten Parodontitisbehandlungsstrecke haben wir eine wirksame und auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Therapie in der Versorgung, die aber durch das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz mit seiner strikten Budgetierung ausgebremst wurde. Daher ist es höchste Zeit, dass die Politik Prävention zum Leitbild gesundheitspolitischen Handelns macht. Jegliche Sparmaßnahmen hingegen schränken die Präventionsfähigkeit massiv ein und haben fatale Folgen – sowohl für die Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten als auch für die GKV-Finanzen durch hohe Folgekosten.“
Leichten Optimismus verbreitet derweil die KZBV dahingehend, dass sich das enge Korsett, in das das BMG die zahnmedizinische Versorgungslandschaft laut Kabinettsentwurf des GKV-BStabG zwängen will, noch wesentlich lockern dürfte. So habe der aus Magdeburg stammende parlamentarische Staatssekretär beim BMG, Tino Sorge (SPD), in seinem Grußwort beim Frühjahrsfest die kontinuierliche Arbeit der KZBV und die bisher erbrachten Einsparbeiträge der Zahnärzteschaft gewürdigt. Zum Entwurf erklärte er, dass es grundsätzlich keine Alternative zu Einsparungen in allen Leistungsbereichen gebe, auch wenn dies nicht die Versorgungsqualität gefährden dürfe.
Im Zuge der weiteren Gesetzgebung, in der im Bundestag Änderungsanträge eingebracht werden, werde man sich genau anschauen, welche Auswirkungen das geplante Gesetz habe und wo man es nachjustieren könne. Mit Blick auf die Maßnahmen im kieferorthopädischen Bereich betonte er, „dass wir im parlamentarischen Verfahren an vielen Stellen schauen müssen, wo man gegebenenfalls nachjustiert oder das Gesetz dann noch entsprechend verbessert, weil wir natürlich nicht die Intention haben, im Rahmen von Strukturreformen zum Schluss die Versorgung, gerade im ländlichen Raum, kaputt zu machen.“ Auch hinsichtlich der bisher nicht auskömmlichen Finanzierung von versicherungsfremden Leistungen, vor allem durch die Finanzierung der GKV-Beiträgen der Bürgergeldempfänger aus der Solidargemeinschaft, stellte er klar: „Ich halte das für ordnungspolitisch in der Sache nicht zielführend, dass eine bestimmte Gruppe, in dem Fall die Beitragszahler, gesamtgesellschaftliche Leistungen schultern.“ Sorge kündigte an, den Dialog mit der KZBV zum Gesetzentwurf weiterzuführen.
Dabei warb er auch für eine harte und sachliche Diskussion. Außerdem verwies er darauf, dass die FinanzKommission Gesundheit Ende des Jahres mit einem zweiten Bericht weitere, langfristig wirkende Vorschläge für Strukturmaßnahmen unterbreiten werde. Dem Vernehmen nach soll die Kommission im zweiten Bericht einen klaren Fokus auch auf die Prävention legen. Inwieweit sie allerdings die PAR-Leistungen dabei berücksichtigen wird, steht noch in den Sternen.
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