Praxismanagement
Wer eine Arztpraxis hat, beschäftigt im Regelfall auch Mitarbeiter. Doch nicht jeder gute Arzt ist automatisch auch eine geborene Führungskraft. Sich ein paar Dinge bewusst…
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Seit einem Monat plagte einen 70-jährigen Patienten wiederkehrender nicht produktiver Husten. Dazu kamen Fieber, Dyspnoe und ein vermindertes Atemgeräusch auf der linken Seite. Der Mann war an Typ-2-Diabetes und Hypertonie erkrankt und rauchte. Er wurde zunächst mit Asthma diagnostiziert und mit Bronchodilatatoren behandelt. Dass die Symptome von einem Zahn herrührten, vermutete zu Beginn wohl niemand…
Dass Zähne eine Aspirationspneumonie auslösen, kommt bei Erwachsenen selten vor, schreiben die Autorinnen und Autoren der Kasuistik. Meist seien Kinder oder Traumapatienten betroffen. Häufigstes Symptom der Fremdkörperaspiration sei eine postobstruktive Pneumonie. Mit dieser wurde schließlich auch der 70-jährige Patient diagnostiziert. Eine Röntgenaufnahme seines Thorax zeigte eine Konsolidierung des linken Unterlappens mit angrenzendem röntgendichtem Körper, die CT-Angiographie dann einen verkalkten Körper im linken Unterlappenbronchus mit ausgedehnter postobstruktiver Konsolidierung.
Der Körper stellte sich als Molar heraus, den der Patient vor zwei Monaten, so seine Erinnerung, während einer Mahlzeit verschluckt hatte. Der Patient erhielt Antibiotika und der Zahn wurde während einer Bronchoskopie entfernt. Nach Aspiration eines Fremdkörpers kommt es häufig erst nach einer langen Latenzphase zu Symptomen wie Hustenreiz und Stridor, schrieben Dr. Frank Herdach und Dr. Stephan Große- Sender, Zahnärzte aus Tübingen und Reutlingen, bereits 2002 (Int Poster J Dent Oral Med 2002; 4(2), Poster 118 ). Die Symptome würden folglich häufig nicht mit dem Aspirationsereignis – Essen einer schwer zu kauenden Mahlzeit oder auch ein Trauma – in Verbindung gebracht. Ein Blick auf die Zähne könnte also bei entsprechenden Symptomen ratsam sein.
Häufiger als Zähne selbst, werden einem Review aus 2022 zufolge jedoch Zahnkronen, Prothesen oder Implantatmaterial aspiriert (J Stomatol Oral Maxillofac Surg 2021; online 21. Oktober). Für ein Review wurden 57 Fälle analysiert. Bei 44 Prozent waren Zahnkronen und Prothesen für die Beschwerden verantwortlich, bei 19 Prozent Implantatmaterial und bei 16 Prozent echte Zähne. Verschiedene Faktoren beeinflussen wohl das Risiko, dass echte und „falsche“ Zähne den Weg in die Lunge finden: die Größe der Mundhöhle, eine Makroglossie, ein kurzer Gaumen sowie eine neurokognitive Behinderung oder verminderte (Schluck-)Reflexe bei älteren Patienten.
Auch dieses Autorenteam kam zu dem Schluss, dass Symptome nach Aspiration zunächst ausbleiben können: Rund jeder Vierte hatte keine Beschwerden angegeben. Es kommt sogar vor, dass Kronen, Füllungen und sogar Implantat- Schraubendreher direkt vor den Augen eines Zahnarztes in die Luftröhre verschwinden. Die Aspiration eines Fremdkörpers während einer zahnärztlichen Behandlung sei zwar selten, schreiben Forscher um Notfallmedizinerin Dr. Doris Eis, betrachte man jedoch die Zahl der zahnärztlichen Behandlungen, so sei dies die zweithäufigste Ursache für Aspirationen nach Aspirationsereignissen bei Kindern (Dtsch Arztebl Int 2021; online4. Juni ).
Im Fall der Fälle richten sich die Sofortmaßnahmen nach der Situation und den Symptomen der Patienten. Im Lehrbuch für präklinische Notfallmedizin ist beschrieben, dass zunächst versucht werden sollte, den Fremdkörper zu entfernen, wenn dieser noch sichtbar ist – zum Beispiel mit einer Magill-Zange. Ist er hingegen nicht mehr sichtbar, können dorsale Schläge zwischen die Schulterblätter (bis zu fünf) und das Heimlich- Manöver versucht werden. Bei einer Nicht-Entfernung, aber stabilem Zustand des Patienten sollte umgehend eine Klinikeinweisung erfolgen. Verschlechtert sich der Zustand des Patienten, sollten die Atemwege möglichst freigehalten und ein Notarzt gerufen werden.
Das Freihalten kann durch ein Überstrecken des Kopfes erfolgen (Esmarch-Handgriff). Dabei müssen die Vitalparameter weiterhin überwacht werden. Spitze Gegenstände können das Gewebe traumatisieren, eine Verkeilung in Glottis, Subglottis, Hypopharynx oder Ösophagus kann zu Husten, Würgen, Erstickungsanfällen, Schmerzen und Angstgefühlen führen, die eine reflektorische Vagusstimulation auslösen, was zu schlagartigem Blutdruckabfall, Schock oder Kammerflimmern führen kann, schreiben die Zahnärzte Dr. Frank Herdach und Dr. Stephan Große-Sender. Laut Lehrbuch sollte bei den Patienten schnellstmöglich in der Klinik mittels Bildgebung der Fremdkörper lokalisiert werden, meist in Form einer Röntgenthoraxaufnahme. Die Entfernung erfolgt dann häufig durch Bronchoskopie.
Übrigens: Sitzen Zähne, Zahnimplantate und -prothesen im respiratorischen System fest, muss es nicht immer die Lunge sein. So wurde 2019 ein Fallbericht eines 72-jährigen Patienten publiziert, der seit der operativen Entfernung eines gutartigen Tumors aus seiner Bauchwand nur noch unter Schmerzen schlucken konnte und blutigen Auswurf hustete (BMJ Case Rep 2019; online 12. August ). Nach erfolgloser Antibiotikatherapie wegen Verdacht auf einen Infekt entdeckten die behandelnden Ärzte schließlich in der Endoskopie ein metallisches halbrundes Objekt, das gegen die Epiglottis gepresst wurde und dort eine erythematöse Schwellung und Erosionen verursacht hat.
Als die Ärzte dem Patienten davon berichten, erzählt er ihnen, dass er ja eigentlich eine Zahnteilprothese trägt, bestehend aus drei Frontzähnen und einer metallischen Verankerung. Die sei bei der Tumorsektion verloren gegangen. Nun klemmte sie also im Larynx fest! Die Autoren der Kasuistik weisen darauf hin, wie wichtig es sei, vor und nach jedem operativen Eingriff das Vorhandensein von Zahnprothesen zu dokumentieren. Auch in die Nase haben es Zahnimplantate bereits geschafft: Mehrere Publikationen schildern die Verlagerung von Implantaten in die Nasennebenhöhlen. So auch die Veröffentlichung zu einer 62-jährigen Frau mit Schmerzen in der rechten Wange, Fieber und nasalem eitrigem Ausfluss.
Ihr enossales Zahnimplantat, das sich zuvor im hinteren Bereich des rechten Oberkieferkamms befunden hatte, war nun in die rechte Kieferhöhle gewandert, was eine massive Sinusitis auslöste (World J Clin Cases 2016; online 16. August ). Die behandelnden Kolleginnen und Kollegen planten, das Implantat nach präoperativer medikamentöser Behandlung mit Antibiotikum und Acetylcystein zu entfernen. Dazu kam es aber nicht. Der Grund: Unerwarteterweise berichtete die Patientin zwei Tage nach Beginn der medikamentösen Therapie, dass sie das Zahnimplantat am frühen Morgen während eines Niesanfalls ausgestoßen hatte. Es kam dabei zu keiner Blutung. Die Patientin schloss also ihre medikamentöse Behandlung ab und ihre Symptome verschwanden ohne jegliche Spätkomplikationen innerhalb von sieben Tagen.
Wie zu erwarten ist, können künstliche und echte Zähne nicht nur eingeatmet, sondern auch verschluckt werden. Dies kommt (insbesondere bei Kindern) häufig vor und ist meist nicht gefährlich, da es sich ja um relativ stumpfe Fremdkörper handelt. Nur im Ausnahmefall können Zähne im Verdauungstrakt zum Problem werden, so im Falle eines 57-jährigen Mannes: Er klagte über starke Unterleibsschmerzen und Anorexie nach einer Zahnextraktion (ANZ J Surg 2017; online 12. Juni ).
Im CT zeigte sich eine Verdickung des Appendix und der Darmwand mit einem kalzifizierten Fäkolithen im Lumen des Appendix– jedoch war dieser in Wirklichkeit gar kein Fäkolith, wie sich nach laparoskopischer Appendektomie herausstellte, sondern ein kariöser Zahn. Auf Nachfrage gab der Patient an, dass er in den Wochen vor der geplanten Zahnextraktion einen weiteren Zahn verloren hatte. Auch in diesem Fall hatte der Patient selbst das „Verschwinden“ des eigenen Zahns nicht mit seinen gastrointestinalen Beschwerden in Verbindung gebracht und folglich nicht vom abhandengekommenen Zahn berichtet. Ein gezielteres Nachfragen hätten den Ursprung der Symptome womöglich früher offenbart.
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