Videosprechstunden & Co: Aus Zahnarztsicht eher Be- als Entlastung?

Die nun seit mehr als einem Jahr andauernde Corona-Pandemie hat vor allem im haus- und fachärztlichen Versorgungsbereich zu einem richtigen Digitalisierungsschub in der vertragsärztlichen Versorgung geführt. Fast 1,7 Millionen Videosprechstunden wurden laut Abrechnungsdatenanalyse des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung von Haus- und Fachärzten allein zwischen 4. März und 30. September 2020 vorgenommen. Seit knapp einem halben Jahr können auch Zahnärzte neue Leistungen wie Videosprechstunden, Videofallkonferenzen und Telekonsile in der vertragszahnärztlichen Versorgung erbringen. Für den vertragszahnärztlichen Bereich liegen indes noch keine Auswertungen vor.

Vertragszahnärzte können mittels Videosprechstunde oder Videofallkonferenz zum Beispiel bei vulnerablen Patientengruppen Pflegebedürftigen und Menschen mit Beeinträchtigung im Vorfeld eines Behandlungstermins in der Praxis Symptome abklären und die aufsuchende Versorgung besser organisieren. Weitere Optionen ergeben sich im Zuge der Nachkontrolle einer umfangreicheren Behandlung sowie in der Erörterung anstehender prothetischer Planungen. Ebenso sind Videofallkonferenzen mit dem Pflegepersonal und gegebenenfalls videogestützte Telekonsile arztgruppenübergreifend sinnvolle Szenarien.

BEMA-Vergütung steht bereits
Zum 1. Oktober 2020 sind die neuen Leistungen wie Videosprechstunden, Videofallkonferenzen und Telekonsile auch in den Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen (BEMA) aufgenommen worden – inklusive Technikzuschlag (TZ). Darauf hatten sich die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und der GKV-Spitzenverband im Bewertungsausschuss geeinigt. Im Einzelfall gelte jeweils der auf Landesebene gesamtvertraglich vereinbarte Punktwert für konservierend-chirurgische Leistungen (KCH-Punktwert).

Aber anscheinend sind die Vorbehalte gegen die Telemedizin bei niedergelassenen Vertragszahnärzten noch hoch, haben sich Videosprechstunde & Co noch nicht zum Selbstläufer entwickelt. Die neuen technischen Möglichkeiten sind, wie KZBV und GKV-SV unisono bekunden, „sehr effizient und bringen viele Vorteile – für Zahnarztpraxen und Patienten gleichermaßen“.

Eindringlicher Appell der KZBV an die niedergelassenen Kollegen
Nun sieht sich die KZBV offensichtlich veranlasst, nochmals die Werbetrommel für die Digitalisierung in den Zahnarztpraxen zu rühren. Vorstandsvize Martin Hendges betonte vor Kurzem erneut die Relevanz solcher Anwendungen für die zahnärztliche Versorgung: „Digitale Lösungen werden für Praxen und Patienten im Behandlungsalltag immer wichtiger. Überaus hilfreich ist hier zum Beispiel die Videosprechstunde. Der Verzicht auf unmittelbaren physischen Kontakt von Behandler und Patient – soweit sinnvoll und machbar – findet auch einen Anwendungsbereich in Ausnahmesituationen wie derzeit in der Corona-Pandemie, vor allem bei der Versorgung infizierter und unter Quarantäne gestellter Personen. Vor diesem Hintergrund muss unbedingt über die weitere Ausdehnung von Videoanwendungen auf die Versorgung aller Versicherten nachgedacht werden.“

Um noch mehr Zahnärzte für diese digital gestützten Versorgungsformate zu begeistern und ihnen den Umgang mit den Leistungen zu erleichtern, hat die KZBV nun die Broschüre „Videosprechstunden, Videofallkonferenzen und Telekonsile in der vertragszahnärztlichen Versorgung – Die wichtigsten Informationen für Zahnarztpraxen“ veröffentlicht.

Hinweise auch zum Datenschutz
Die Publikation zeigt Vertragszahnärzten und Praxisteams anschaulich auf wenigen Seiten auf, welche technischen Anforderungen und Voraussetzungen beachtet werden müssen. Schritt-für-Schritt-Anleitungen bieten einen leicht verständlichen Überblick, etwa auf dem Weg von der analogen in die digitale Sprechstunde. Transparente Hinweise erleichtern zudem die Abrechnung mit gesetzlichen Krankenkassen. Dazu gibt es Infos zu den datenschutzrechtlichen Anforderungen.

Die Formate in der Übersicht
Die Videosprechstunde findet zwischen Zahnarzt und pflegebedürftigem Patienten sowie bei Bedarf im Beisein der Pflege- oder Unterstützungsperson statt. Videosprechstunden werden über den KCH-Bereich über die BEMA-Nr. VS vergütet. Sie sind mit 16 Punkten bewertet. Die Videosprechstunde findet im geschützten Online-Raum eines zertifizierten Anbieters statt und darf von keiner beteiligten Partei aufgezeichnet werden.

Letzteres gilt auch für die Videofallkonferenz, die regelhaft zwischen Pflegepersonal und Zahnarzt abläuft. „Dabei können auch mehrere Patientenfälle erörtert werden“, heißt es in der KZBV-Broschüre. Für Videofallkonferenzen ist die BEMA-Nr. VFKa/b abrechenbar. „Erfolgt mit dem Pflegepersonal eine Videofallkonferenz über mehrere Patienten in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang, wird die VFKa für den ersten Patienten (12 BEMA- Punkte) und die VFKb (6 BEMA-Punkte) bezüglich jedes weiteren Patienten abgerechnet“, klärt die Broschüre auf. Die Videofallkonferenz kann je Quartal und Patient maximal dreimal abgerechnet werden. „Voraussetzung ist, dass im Zeitraum der vergangenen drei Quartale unter Einschluss des aktuellen Quartals ein persönlicher Kontakt der Zahnärztin oder des Zahnarztes mit der Patientin oder dem Patienten stattgefunden hat“, konkretisiert die KZBV. Im Hinblick auf die Kosten, die Praxen im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme eines zertifizierten Videodienstleisters bei den Leistungen Videosprechstunde und Videofallkonferenz entstehen, ist der pauschale TZ vorgesehen. Die BEMA-Nr. TZ mit 16 Punkten ist je Praxis bis zu zehnmal im Quartal abrechenbar.

Zum Schluss müssen Zahnärzte die Sitzung durch einen Vermerk im Praxisverwaltungssystem dokumentieren und können die entsprechenden BEMA-Leistungen abrechnen.

Für Telekonsil TI-Anschluss und KIM-Dienst zwingend erforderlich
Mit einem Telekonsil wird die zeitgleiche oder zeitversetzte Kommunikation zwischen einem Zahnarzt oder Arzt, der das Konsil einholt, und einem Konsiliarzahnarzt oder -arzt bezeichnet. „Die beteiligten Zahnärzte oder Ärzte tauschen sich auf elektronischem Weg über eine patientenbezogene, medizinische Fragestellung aus. Die Kommunikation umfasst sowohl die Übermittlung der Fragestellung als auch deren Beantwortung. Das Telekonsil bietet dabei beispielsweise die Möglichkeit, dem Gesprächspartner medizinische Befund- arten wie Röntgenbilder sicher zur Verfügung zu stellen und diese fachlich zu erörtern“, heißt es erläuternd in der KZBV-Broschüre. Bei Bedarf könne zu einem Telekonsil auch der Patient hinzugezogen werden, wenn zum Beispiel ein Befund nur auf diese Weise sinnvoll besprochen werden kann. Cave: Ein Telekonsil, das unter Beteiligung von Patienten als Videokonsil durchgeführt wird, kann dabei nicht als Video sprechstunde deklariert werden.

„Ein Telekonsil setzt in der Regel voraus, dass eine patientenbezogene, interdisziplinäre medizinische Fragestellung vorliegt, die außerhalb des Fachgebiets des behandelnden Zahnarztes oder Arztes liegt und mit einem Konsiliarzahnarzt oder -arzt des entsprechenden Fachgebietes erörtert wird“, so die KZBV.

Telekonsile nicht auf Pflegebedürftige beschränkt
Ein weiterer Anwendungsfall für das Telekonsil sei das Vorliegen einer besonders komplexen medizinischen Fragestellung, die innerhalb des Fachgebiets des behandelnden Zahnarztes oder Arztes liegt und mit einem Kollegen desselben Fachgebiets erörtert werde.

Telekonsile sind im Gegensatz zu Videosprechstunden und -fallkonferenzen nicht auf Pflegebedürftige beschränkt, sondern können bezogen auf alle gesetzlich versicherten Patienten abgerechnet werden. Für ihre Erbringung ist der Anschluss der Zahnarztpraxis an die Telematikinfrastruktur eine Conditio sine qua non. Für den Austausch von Unterlagen muss das Praxisverwaltungssystem einen KIM-Dienst (Kommunikation im Medizinwesen) unterstützen.

 Telekonsiliarische Erörterungen werden über den Bereich KCH vergütet (BEMA-Nr. 181b). Sie sind mit 16 Punkten bewertet.

Wie für das herkömmliche Konsil, so gibt es auch für das Telekonsil eine besondere Gebührennummer für solche Telekonsile, die im Rahmen eines Kooperationsvertrags gemäß § 119b Abs. 1 SGB V durchgeführt werden (oder BEMA-Nr. 182b). Die beiden Leistungspositionen sind hinsichtlich der Vergütung identisch. Auch für das Telekonsil kann der Technikzuschlag nach BEMA-Nr. TZ (16 Punkte) zusätzlich abgerechnet werden, wenn dieses als Videokonsil durchgeführt wird. „Zu beachten ist, dass der Zuschlag je Praxis insgesamt bis zu zehnmal im Quartal für Videosprechstunden, -fallkonferenzen und -konsile angesetzt werden kann“, verdeutlicht die KZBV.