Im Job infiziert: COVID-19 als Berufskrankheit über 42.000 Mal anerkannt

Bei Berufsgenossenschaften und Unfallkassen wurden seit Pandemie-Beginn rund 78.000 Verdachtsanzeigen auf COVID-19 als Berufskrankheit gestellt – fast 60 Prozent der Fälle stammen aus 2021. Liegt es an den Virusmutanten?

Berlin. Allen Hygieneschutzmaßnahmen in Pflege, Kliniken und Praxen zum Trotz: Im Laufe der nun mehr als ein Jahr andauernden Coronavirus-Pandemie nimmt die Zahl der Verdachtsanzeigen auf eine im beruflichen Kontext erworbene SARS-CoV-2-Infektion rasant zu – so wie auch die Zahl der anerkannten Fälle.

Der Löwenanteil der Fälle ist dem Zuständigkeitsbereich der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) zuzuordnen. Denn COVID-19 wird unter der BK-Nummer 3101 (Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war) subsumiert, in der laut Berufskrankheitenliste auch Infektionskrankheiten wie Hepatitis, Tuberkulose oder auch HIV/Aids verortet sind.

Mehr als jeder zweite Verdacht bestätigt sich

Im Zusammenhang mit COVID-19 erhalten die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung seit Jahresbeginn in wachsender Zahl Anzeigen auf Verdacht einer Berufskrankheit sowie Arbeitsunfallmeldungen. Das geht aus einer Sondererhebung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) für Januar und Februar 2021 hervor.

Demnach erhielten die gewerblichen Berufsgenossenschaften und die Unfallkassen in diesen beiden Monaten insgesamt 47.578 Verdachtsanzeigen auf eine beruflich bedingte Erkrankung an COVID-19. Im vergangenen Jahr waren es laut DGUV insgesamt 30.329 Verdachtsanzeigen. Seit Beginn der Pandemie seien bis Ende Februar dieses Jahres 49.295 Fälle entschieden und 42.753 BK-Meldungen anerkannt worden.

Rückblickend war mit dieser Entwicklung nicht unbedingt zu rechnen. Denn zum Stichtag 3. Juli 2020 war etwa von den Unfallversicherungsträgern nur in 5762 Fällen nach Verdachtsmeldung COVID-19 als BK anerkannt worden. „Die Entwicklung spiegelt die ungeheure Wucht, mit der diese Pandemie unser Land aktuell trifft“, verdeutlicht DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Stefan Hussy. Und ergänzt: „Umso wichtiger ist, dass wir schnelle Fortschritte beim Impfen machen.“

BG mit begrenztem Handlungsrahmen

Ob nun tatsächlich die Virusmutanten mit dem zunehmenden Corona-BK-Geschehen zu tun haben, lässt sich zumindest vonseiten der BGW nicht eruieren. Wie eine Sprecherin auf Nachfrage der „Ärzte Zeitung“ erläutert, sind der Berufsgenossenschaft die Hände gebunden.

„Nach einer BK-Verdachtsmeldung auf COVID-19 wird von der BK-Sachbearbeitung der BGW nicht regelhaft ermittelt, um welche Corona-Mutante es sich handelt. In Einzelfällen kann die Ermittlung zur Kausalitätsklärung erforderlich werden“, so eine BGW-Sprecherin. Aus den uns übermittelten PCR-Testergebnissen gehe in der Regel keine DNA-Sequenzierung hervor, verdeutlicht sie.

„In BK-Verdachtsmeldungen durch Unternehmen finden sich manchmal Angaben zu Virusmutanten. Soweit die Virusmutante aus der Meldung oder anderen Dokumenten hervorgeht, wird diese bei der BGW nicht bei der Fall-Datenpflege elektronisch erfasst und wäre deshalb auch nicht elektronisch auswertbar“, ergänzt die Sprecherin.

Dynamik auch bei erkrankten Schülern zu verzeichnen

Unter bestimmten Voraussetzungen können die Unfallversicherungsträger eine Erkrankung an COVID-19 auch als Arbeits- oder Schulunfall anerkennen, so die DGUV. Im Januar und Februar 2021 erhielten die Unfallversicherungsträger demnach 2710 Arbeitsunfallmeldungen, 799 davon seien als Versicherungsfall anerkannt worden.

Im vergangenen Jahr habe sich nach vorläufigen Erhebungen die Zahl der Arbeitsunfallmeldungen nach einer COVID-19 Erkrankung auf 12.223 belaufen – in 4247 Fällen sei ein Versicherungsfall bestätigt worden.

Den Unfallkassen als Träger der Schülerunfallversicherung seien im Januar und Februar 73 Schülerinnen und Schüler gemeldet worden, die an COVID-19 erkrankt waren, wovon bislang 41 als Versicherungsfälle anerkannt worden seien.

Im gesamten vergangenen Jahr belief sich nach vorläufigen Erhebungen die Zahl der Schulunfallmeldungen nach einer COVID-19 Erkrankung laut DGUV auf 167 – in 61 Fällen sei ein Versicherungsfall bestätigt worden.

Redaktion Ärzte Zeitung